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Eylem

Sozialpädagogin, Berlin, queer


Für die meisten Menschen scheinen Queerness und Islam unvereinbar zu sein, wenn nicht gar einen Widerspruch darzustellen. Die weißdeutsche Mehrheitsgesellschaft ist irritiert, gibt ungefragt ihre Meinungen ab und verlangt Rechtfertigungen. In der muslimischen und in der queeren Community bleibt in der Regel der jeweils andere Aspekt unsichtbar. Dies sind zumindest meine persönlichen Erfahrungen, die ich auch im Freund*innenkreis gemacht habe.

Religion und Queerness sind prägende Teile meiner Identität. Religion war immer ein fester Bestandteil meines Lebens. Von klein auf wurde ich religiös muslimisch erzogen. Wir fasteten als Familie, wir begingen religiöse Feiertage und waren vor einigen Jahren gemeinsam auf einer Pilgerfahrt in Saudi-Arabien. Das war eine ganz besondere Erfahrung, die mich nochmals in meinem Glauben gefestigt hat. Im Laufe meines Outing-Prozesses habe ich mich sehr stark mit meiner Religion im Zusammenhang mit meiner Queerness beschäftigt. Inzwischen spreche ich lieber von einem „Inviting-in“, denn es geht für mich eher darum, wen ich in welcher Form an meinem Leben teilhaben lasse. Aber damals stand die Frage im Raum: Akzeptiert Gott mich so wie ich bin? Es war ein langer Weg, bis ich bestimmte Bilder meines Umfelds ablegen und meinen Zwiespalt überwinden konnte. Erst durch die Suche nach weiteren Personen und durch die Auseinandersetzung mit feministischen Perspektiven auf den Islam wurde ich in meinem Glauben bestätigt und bestärkt. Gott hat mich so erschaffen, wie ich bin. Letztendlich sollte es anderen vollkommen egal sein, wen ich begehre oder mit wem ich zusammenlebe. Zentral ist doch die Frage: Bin ich ein guter Mensch? Außerdem muss ich niemandem meinen Glauben beweisen. Das, was zählt, ist die Beziehung zwischen mir und Gott und niemand kann da hineinreden oder bewerten. Wer seid ihr alle, die ihr darüber urteilt, ob ich eine richtige Muslima bin oder nicht? Wie könnt ihr beurteilen, ob ich als queere Person muslimisch genug bin oder nicht? Das wird nur zwischen mir und Gott diskutiert.

"Gott hat mich so erschaffen, wie ich bin. Letztendlich sollte es anderen vollkommen egal sein, wen ich begehre oder mit wem ich zusammenlebe. Zentral ist doch die Frage: Bin ich ein guter Mensch?"


Überwiegend sind religiöse Autoritäten und Übersetzer des Korans Männer, die patriarchale Strukturen eher erhalten als dekonstruieren. Gleichermaßen halten sich in der Mehrheitsgesellschaft vehement Stereotype, Vorurteile und eingefahrene Denkmuster. Die in Deutschland vorherrschenden Bilder des Islam sowie der migrantisch und muslimisch gelesenen Personen sind negativ. Und somit wird Queerness im Islam nur so verhandelt, als dass Muslim*innen Queerfeindlichkeit unterstellt wird. Im selben Gedankengang steckt die Vorstellung von schweren und komplizierten Outing-Prozessen muslimischer Queers. Hilfesuchende People of Colour begegnen in Beratungsstellen oft Personen mit vorgefertigten Annahmen und werden dadurch eigentlich an ihren Bedürfnissen vorbei beraten.

Aus diesem Grund habe ich mich während meines Outings auf die Suche nach Anschlussmöglichkeiten und Unterstützung durch Menschen mit ähnlichem Background begeben. Mittlerweile hat sich aus dieser Gruppe ein Verein gegründet, um anderen Hilfe und Beratung anzubieten. Dieser Verein steht für das, was ich meinem jüngeren Ich und allen, die mit sich selbst ringen, mitgeben möchte: Ihr seid nicht allein! Und ihr seid richtig, so wie ihr seid! Damit verbunden ist mein Wunsch nach mehr Sensibilität für Marginalisierte in der Dominanzgesellschaft sowie einem Abbau gängiger Vorurteile. Innerhalb der jeweiligen Communities wünsche ich mir vor allem mehr Sichtbarkeit. Denn ich bin da. Und ich bin viel mehr als queer und muslimisch. Mir ist vor allem wichtig, auch die positiven Seiten meines Weges zu betonen: Meine Identität ist kein Widerspruch und ich bin stolz auf das, was ich bin.

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