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Natascha

Pastor*in der Nordkirche und Referent*in im Frauenwerk Altholstein, Kiel, queer


Als Pastor*in stehe ich für christliche Religiosität. Zugleich bin ich queer. In meiner Person sind Queerness und Religiosität eng verwoben und bilden einen gemeinsamen Kern. Im Alltag wird in der Regel nur eine dieser beiden Facetten abgerufen. Eine Trennung in das jeweils eine oder andere wird aufgrund von Vorurteilen eher von außen vorgenommen. Ich selbst habe mein Queersein und meinen Glauben nie als Widerspruch erlebt. Queer ist für mich ein Raum, der sich öffnet und der weit und bunt ist. Dieses Gefühl trifft ebenso auf meinen Glauben zu: Mir ist es wichtig, Weltbildern entgegenzuwirken, die Gegensätze betonen und damit die Unvereinbarkeit von verschiedenen Seinsformen begründen. Manche untermauern mit religiösen oder biblischen Argumenten, dass gleichgeschlechtliche Liebe nicht gottgewollt sei. Dem widerspreche ich als Mensch und als Pastorin. Glaube bedeutet für mich Lust an Vielfalt.

Ich bin nicht religiös aufgewachsen. Erst im Konfirmand*innenunterricht wuchs bei mir der Wunsch, Pastorin zu werden. Die mich begleitenden und prägenden Pastor*innen waren sehr politisch, links, eine Demo war für sie quasi ein Gottesdienst. Mein Glaube wurde für mich so auch zu einer politischen Haltung. Ich zeige Widerständigkeit, WEIL ich glaube. Religion bedeutet für mich kritisches Denken: die Überprüfung realer Zustände im Vergleich zu dem, was ich als gottgewollt verstehe. Das ist das Herzstück des christlichen GIaubens. Mit diesem Verständnis ecke ich gelegentlich innerhalb und außerhalb der Kirche an. Denn das bedeutet auch die eigene Tradition immer wieder kritisch in den Blick zu nehmen.

"Religion bedeutet für mich kritisches Denken: die Überprüfung realer Zustände im Vergleich zu dem, was ich als gottgewollt verstehe. Das ist das Herzstück des christlichen GIaubens."

Im Laufe meines Theologiestudiums habe ich sehr wohl auch gehadert, weniger mit dem Glauben als mit der Institution Kirche. Es begleiteten mich Fragen wie: Will ich wirklich mit der Kirche an sich in Verbindung gebracht werden? Eine Entscheidung dagegen hätte aber bedeutet, tatenlos zu bleiben. Als Pastorin habe ich die Gelegenheit, nicht nur mitzugestalten, sondern, ohne unbedingt mit allem mitzugehen, den Glanz des Glaubens etwas erstrahlen zu lassen.

Für mich ist queer und religiös zu sein kein Widerspruch. Im Gegenteil. Queer sein bedeutet für mich, sich außerhalb der Norm zu bewegen. Jesus hat nichts Anderes getan. Er hat unumstößlich erscheinende Lehrmeinungen in Frage gestellt. Deshalb bin ich es manchmal müde, mich im kirchlich-religiösen oder im queeren Bereich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich so glaube, wie ich glaube, und so lebe, wie ich lebe.

Ich hatte kaum Schwierigkeiten während meines Coming-out-Prozesses, lediglich mit Zuschreibungen von außen, die es durchaus auch in der schwul-lesbischen Szene gibt. Ich wollte kein Label, ich wollte einfach nur Ich sein. Aus diesem Grund fand ich den Begriff queer für mich besonders zutreffend und befreiend. Der Begriff „queer“ lässt viel Raum, um sich darin zu finden. In meinem weiten Raum von Queerness und Glauben spüre ich: Hier bin ich gemeint. Hier brauche ich keine Flagge, um angenommen zu werden. Das ist Segen für mich: Gesehen zu werden, wie ich bin.

Viele verschiedene Identitäten könnten sichtbarer sein, wenn wir auf Schubladen verzichten würden. Mehr Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen, mehr Flexibilität im Denken sowie Gespräche MITEINANDER, nicht übereinander, ist mein Wunsch an die Mehrheitsgesellschaft – das verhindert Vorurteile und Diskriminierung auf allen Seiten. Und ich würde mir wünschen, dass all die widerständigen queer-feministischen Glaubensansätze genauso wahrgenommen werden würden wie die althergebrachten Theologien. Das queerste Phänomen des christlichen Glaubens ist doch Gott* selbst. Wer sonst hat so viele Namen?

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