Corona-Pandemie

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"Wir sollten leben"

Die beiden Freunde Bernd Philipsen und Fred Zimmak haben sich auf die Spuren der 153 Jüdischen Häftlinge begeben, die am 1. Mai 1945 aus einem Lager in Kiel befreit und nach Schweden in Sicherheit gebracht wurden. Im Rahmen der Novembertage sollten sie eigentlich ihr Buch „Wir sollten leben“ im Gespräch mit Museumsleiter Jonas Kuhn vorstellen. Wegen des Lockdowns mussten diese und die anderen Veranstaltungen jedoch abgesagt werden. Als kleiner Ersatz und Vorgriff auf die Lesung, die wir hoffentlich in nächster Zeit nachholen können, beantworten uns die Autoren hier ein paar Fragen:

Was ist am 1. Mai 1945 im Arbeitserziehungslager Nordmark passiert?

An diesem Tag startete in aller Früh in Pattburg, wo dänische Organisationen ein Quarantänelager für aus deutschen Konzentrationslagern gerettete Häftlinge errichtet hatten, weiß angestrichene und mit dem Rot-Kreuz-Symbol markierte Busse und Ambulanzwagen nach Kiel, um – wie es in einem Tagebuch der dort tätigen Krankenschwestern heißt – „Juden zu holen“. Die Häftlinge – genau 153 Männer, Frauen und Kinder – zauderten zunächst, in die Fahrzeuge einzusteigen, zu groß war die Skepsis, hinter der Aktion könne sich eine gemeine Finte der SS verbergen. Das KZ-ähnliche Arbeitserziehungslager Nordmark war – wie ein Überlebender später in Schweden schrieb – „das schlimmste Lager von allen, was wir bisher gesehen hatten“.  Und die Häftlinge hatten auf ihrer mehrjährigen Odyssee zahlreiche Ghettos und Lager zwischen Riga und Fuhlsbüttel durchleiden müssen.

Können Sie etwas zur Vorgeschichte sagen, wie es zu dieser Befreiung kommen konnte?

Diese Rettungsaktion geht zurück auf Verhandlungen, die der aus Friedrichstadt an der Eider stammende, später in Schweden eingebürgerte Norbert Masur als Vertreter des Jüdischen Weltkongresses in der Nacht zum 21. April 1945 auf einem Gutshof im Brandenburgischen mit dem Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler, geführt hat. Masur rang Himmler die Zusage über die Freilassung von zahlreichen KZ-Häftlingen und ihre Rettung nach Schweden ab.

Wie und wo haben Sie recherchiert?

Wir haben in zahlreichen Archiven im In- und Ausland recherchiert. Die Palette der Institute reicht von dem kleinen Ortsarchiv in Pattburg bis zum schwedischen Reichsarchiv in Stockholm. Darüber hinaus haben wir zeitgenössische Zeitungen in Schweden, Dänemark und den USA ausgewertet. Besonders erfolgreich war die Sichtung der deutschsprachigen jüdischen Emigrantenzeitung „Aufbau“, die in New York erschien. Dort entdeckten wir beispielsweise unter den zahlreichen Listen von Geflüchteten, Geretteten und Verschollenen, die die Ausgaben 1945 füllten, unter der Überschrift „Nach Schweden gerettet“ einen Bericht samt Namenliste über die Befreiungsaktion am 1. Mai 1945 in Kiel. Es gelang uns darüber hinaus, zu einigen Familien der in Kiel Geretteten Kontakte herzustellen. Auf diese Weise empfingen wir wertvolle zusätzliche Informationen und Fotodokumente. Bisher noch nicht veröffentlichte Fotos erhielten wir zudem aus jenen Orten in Schweden, an denen die ehemaligen Häftlinge zunächst untergebracht waren, um neue Kraft zu schöpfen, nach verschollenen Familienmitgliedern zu suchen und sich auf ein „Leben nach dem Überleben“ vorzubereiten.

Fred Zimmak, Sie sind selber Sohn eines der Befreiten. Wie ist die Geschichte Ihres Vaters?

Mein Vater und seine Schwester wurden in dem Dorf Pestlin (Kreis Stuhm)  in Westpreußen geboren, wo die Eltern ein Kolonialwarengeschäft betrieben. Mein Vater war ausgebildeter Elektriker, konnte aber wegen der antijüdischen  Rassengesetze keine Meisterprüfung machen und hatte Schwierigkeiten, Arbeit zu finden. Letztlich musste er Zwangsarbeit leisten. Die Eltern mussten das Geschäft nach dem Boykott 1933 aufgeben. 1936 siedelte die Familie nach Hamburg über, wo mein Vater seine erste Frau Else heiratete. Am 13. Juni 1941 wurde ihr Sohn Denny geboren. Am 6. Dezember 1941 wurden mein Vater, seine Ehefrau Else und ihr kleiner Sohn und auch meine Großeltern nach Riga deportiert. In der „baltischen Hölle“ wurde  die Familie getrennt. Else Zimmak, Denny und weitere nahe Verwandte wurden dort umgebracht. Als sich die sowjetischen Soldaten Riga näherten, begannen SS und Polizei mit der Rückführung der jüdischen Häftlinge nach Westen. Mein Vater wurde zusammen mit weiteren Männern, Frauen und Kindern, die später -  wie er - in Kiel vom Roten Kreuz befreit wurden, erst nach Libau, dann nach Hamburg „evakuiert“. Am 12. April 1945 wurde er auf einen  viertägigen „Todesmarsch“ nach Kiel-Hassee geschickt; daran mussten etwa 800 Gefangene teilnehmen. Das Arbeitserziehungslager Nordmark war für ihn „die Hölle, geleitet von Bestien in Menschengestalt“. Von einem Wärter wurde er mit einer Eisenstange fast totgeschlagen. Sein Leidensweg hatte ein Ende, als am 1. Mai 1945 die Weißen Busse in das Lager rollten. Nach der Rettung nach Schweden via Kopenhagen und Malmö begegnete mein Vater in einem Flüchtlingsheim meiner späteren Mutter Grete, die ebenfalls mit Hilfe der Weißen Busse aus dem KZ Ravensburg befreit worden war und  mit einem Schiff von Lübeck den schwedischen Hafen Trelleborg erreicht hatte. Sie entschieden sich, gemeinsam ein neues Leben in Freiheit aufzubauen – zunächst in der Kleinstadt Åmål und danach in Stockholm. Meine Eltern haben nie mit mir über ihre lange Zeit in den Lagern gesprochen, wahrscheinlich, um mich damit nicht zu belasten, aber auch, weil ihre eigenen Ängste zu groß waren.

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