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Adriana

Schriftstellerin, Schleswig-Holstein, queer


Darüber zu reden, dass wir jüdisch sind, war in meiner Familie tabu. Erst durch die Schilderung des jüdischen Alltags in Anne Franks Tagebuch habe ich verstanden, dass ich Jüdin bin, denn auch wir haben den Schabbat eingehalten. Meine Großmutter hat 1927 meinen katholischen Großvater geheiratet und seinen Glauben angenommen. Verfolgt wurde sie trotzdem. Die Shoah überleben konnten sie und ihre Töchter nur in einem Versteck. Nach dieser traumatischen Erfahrung wurde bei uns nie über Verfolgung oder das Judentum gesprochen. In die Kirche musste ich „wegen der Leute im Dorf“. Einen tiefen Bezug zum Judentum fand ich durch meine Tante Adriana, Überlebende des KZ Bergen-Belsen. Sie hat an Freitagabenden Kerzen angezündet und mir hebräische Lieder beigebracht. Sie starb, als ich 8 war. Als ich mit Anfang 20 erstmals in eine Synagoge ging, habe ich mich wegen der Lieder und der Erinnerung an meine Tante sofort zu Hause gefühlt und fasste den Entschluss, zu meinen jüdischen Wurzeln zurückzukehren.

Die Entdeckung meiner jüdischen Identität verlief fast zeitgleich mit meinem lesbischen Coming-out. Ich war zu dem Zeitpunkt junge Mutter eines kleinen Sohnes und verheiratet. Obwohl unsere Ehe harmonisch verlief, spürte ich, dass ich Frauen liebe. Ich habe mich deshalb für mein Lesbischsein und gegen die Ehe mit meinem Mann entschieden. Die Trennung war traumatisch, denn ich verlor das Sorgerecht für meinen geliebten Sohn. Unfassbar, aber es war bis weit in die 90er-Jahre üblich, dass Richter Lesben nur aufgrund ihrer Homosexualität das Sorgerecht entzogen. 

Schon mit 16 habe ich mich in Mädchen verliebt. Noch lange Zeit nach meinem Coming-out habe ich mich in verschiedene Identitäten zerfallen gefühlt. Ich war das eine: intensiv in der Frauen- und Lesbenbewegung aktiv, oder das andere: stark in der jüdischen Gemeinde engagiert. Daher ist es großartig, dass es Organisationen wie Yachad und Keshet gibt, die eine Gleichzeitigkeit der Identitäten ermöglichen und repräsentieren. 

"Beschützt fühlte ich mich außerdem schon seit meiner Kindheit durch eine höhere Macht, die ich Gott nenne. Ich zweifle nicht daran, dass es sie gibt." 

Ich mag die Struktur, die mir das Judentum im Alltag gibt. In meiner Gemeinde leite ich regelmäßig Gottesdienste. In jüdischen Gemeinden muss eine Frau/ ein Mann dafür keine Ausbildung haben, sondern Rabbiner*in und die Gemeinde entscheiden, wer Gottesdienste leitet. Die Tora zu lesen bzw. zu singen, habe ich von Rabbiner Bea Wyler gelernt, dem ersten weiblichen Rabbiner nach 1945 in Deutschland.

Ganz besonders am Herzen liegen mir Kinder und Jugendliche. Für sie schreibe ich Bücher über Themen, die in dieser Gesellschaft noch immer zu wenig Beachtung finden, und biete kreative Schreibkurse an. Ich leite den Kinderschabbat und bereite Jugendliche auf ihre religiöse Volljährigkeit vor. Ich habe die Feministische Mädchenarbeit in Deutschland mitbegründet und lange in der Zufluchtsstätte des Vereins Wildwasser gearbeitet, der sich für Mädchen und Frauen engagiert, die sexuelle Gewalt überlebten.

Handlungsbedarf sehe ich in jüdischen Gemeinden in Bezug auf das Thema „Vaterjuden“ und „Diversität“. Für mehr Teilhabe brauchen wir dort viel Bewegung und Offenheit vor allem für junge Zuwanderer, die einen jüdischen Vater haben und jüdische Gemeinden mitgestalten wollen. Auch die Aufklärung über das Judentum und Begegnungen zum Thema „Jüdisches Leben heute“ sind mir zentrale Anliegen. Dafür engagiere ich mich bei Meet a Jew, gehe in Schulen und andere Einrichtungen und suche den Austausch. 

Mein Leben war lange wild und chaotisch. Ich lief mit 15 von zu Hause weg, war in der Berliner Hausbesetzerbewegung, lebte an vielen verschiedenen Orten. Seit jetzt 18 Jahren fühle ich mich in meiner Beziehung zu meiner Ehefrau sicher und geborgen. Beschützt fühlte ich mich außerdem schon seit meiner Kindheit durch eine höhere Macht, die ich Gott nenne. Ich zweifle nicht daran, dass es sie gibt. 

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