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Das Jüdische Museum in Rendsburg ist geöffnet. Wir haben Ihnen HIER alle wichtigen Informationen für Ihren Besuch zusammengestellt. Da wir aktuell nur einer begrenzten Anzahl von Gästen zur gleichen Zeit Einlass gewähren dürfen, ist es erforderlich, dass Sie vorab HIER ein Ticket mit Zeitfenster reservieren. 

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1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Auf dem Gebiet des heutigen Deutschland leben seit mindestens 1700 Jahren Jüdinnen und Juden. Das belegt ein Edikt Kaiser Konstantins vom 11. Dezember 321, dass es ermöglichte, diese in Ämter der Stadtverwaltung von Köln zu berufen. Dieser erste urkundliche Beleg für die Existenz einer jüdischen Gemeinde ist Anlass für ein bundesweites Jubiläumsjahr. Der Leiter des Jüdischen Museums in Rendsburg, Jonas Kuhn, spricht mit uns darüber, wie sich das jüdische Leben in Schleswig-Holstein entwickelt hat, über geplante Veranstaltungen und warum er das Jubiläum auch kritisch sieht. 

Herr Kuhn, leben auch in Schleswig-Holstein schon seit 1700 Jahren Jüdinnen und Juden?

Nein, wie wir das von unserem Bundesland schon kennen, findet hier manches etwas später statt. Auf dem Gebiet des heutigen Schleswig-Holsteins leben erst seit dem Ende des 16. Jahrhunderts Jüdinnen und Juden. Also auch schon seit über 400 Jahren. Sie kamen auf Einladung der dänischen Könige, die sich durch deren Anwesenheit einen wirtschaftlichen Aufschwung erhofften. Um eine Ansiedlung in den Herzogtümern Schleswig und Holstein attraktiv zu gestalten, wurden ihnen weitreichende Freiheiten und Privilegien zugestanden. Zu Beginn der NS-Zeit lebten ungefähr 1500 in Schleswig-Holstein. Einige wenige konnten rechtzeitig ins Ausland entkommen oder überlebten im Versteck. Die meisten wurden jedoch während der Shoah ermordet. Nach dem Krieg bildete sich zunächst eine neue jüdische Gemeinschaft, die sich aber 1968 aufgrund von zu wenig Mitgliedern wieder auflöste. Zu diesem Zeitpunkt lebten zwar weiterhin Jüdinnen und Juden in Schleswig-Holstein, aber es waren sehr wenige. Erst mit der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion ab den 1990er Jahren bildeten sich in Schleswig-Holstein neue, lebendige jüdische Gemeinden, die es heute noch gibt.

Museumsleiter Jonas Kuhn

Was erwartet uns im Jubiläumsjahr?

Bundesweit finden über eintausend verschiedene Veranstaltungen statt. Der Kölner Verein „321-2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, der Träger des Jubiläumsjahres ist, veranstaltet im Herbst unter anderem das große jüdische Laubhüttenfest "Sukkot XXL". Außerdem findet das mehrmonatige Kulturfestival "Mentsh!" statt. Weitere Informationen gibt es dazu auf: www.2021jlid.de. Auch in Schleswig-Holstein wird es im Jubiläumsjahr zahlreiche Veranstaltungen geben. Der Veranstaltungskalender dazu wird Ende Februar veröffentlicht, sobald er im Internet freigeschaltet ist, informieren wir auf unserer Homepage und auf Facebook darüber.

Und was macht das Jüdische Museum? 

Wir zeigen zum Jubiläumsjahr die Fotoausstellung „That is me. Queer und religiös?“ Darin porträtieren wir 15 Menschen aus verschiedenen religiösen Communities, die sich mit ihrer Einstellung zur Religion und ihrer queeren Identität vorstellen. Was bedeutet es heute queer und gleichzeitig jüdisch, christlich oder muslimisch zu sein? Spielt die Religion eine Rolle und wenn ja, wie lassen sich Religiosität und Queerness vereinbaren? Welchen besonderen Herausforderungen sehen sich die Menschen gegenüber? Uns ist es wichtig, in diesem Jubiläumsjahr nicht nur zurückzuschauen, sondern auch zu betrachten, welche Themen heute in Deutschland für Menschen relevant sind.

Wieso eigentlich ein Jubiläumsjahr?

Die Vertreterinnen und Vertreter des Kölner Vereins sagen, dass das Ziel dieses Jahres sei, jüdisches Leben sicherbarer werden zu lassen und dem aktuellen Antisemitismus etwas entgegenzusetzten. Auch ich bin der Meinung, dass das wichtig ist. Aber mir ist nicht ganz klar, ob es im eigentlichen Wortsinn eigentlich etwas zu feiern gibt. Schaut man zurück auf die deutsche Geschichte, so gibt es aus jüdischer Sicht nicht unbedingt einen Grund ein Jubiläum festlich zu begehen. Denn unsere Geschichte ist gespickt mit der Verfolgung, Diskriminierung und Ermordung von Jüdinnen und Juden. Die Shoah ist noch keine 76 Jahre her, in den sozialen Medien findet sich krudester Populismus und Jüdinnen und Juden werden auf offener Straße antisemitisch defamiert oder gar mit Waffen in ihren Synagogen angegriffen. Noch immer ist es so, dass in Deutschland jüdische Veranstaltungen nicht ohne Angst und nur mit Polizeischutz stattfinden können. Ich bin der Meinung, dass sollte beim Feiern dieses Jubiläums nicht vergessen werden.

Was erhoffen Sie sich vom Jubiläumsjahr?

Zuerst einmal möchte ich sagen, was ich hoffe, was nicht stattfinden wird. Hoffentlich wird es keine Veranstaltungen geben, die bereits tradierte Klischees über Jüdinnen und Juden weiter verfestigen. Wünschenswert fände ich es, wenn es keine Veranstaltungen gäbe, die nur die sogenannten Nützlichkeiten von Jüdinnen und Juden betonen. Viel zu oft höre ich: „Juden haben unser Land schon immer bereichert. Schaut euch den Verlust für die deutsche Gesellschaft im Bereich Kultur, Wissenschaft oder Kunst an.“ Natürlich stimmt es, dass viele von ihnen die deutsche Gesellschaft bereichert haben und das immer noch tun. Aber solche Aussagen blenden immer aus, dass die Shoah nicht deswegen schlimm war, weil die deutsche Gesellschaft „nützliche Menschen“ verloren hat, sondern weil unschuldige Menschen ermordet worden sind. 

Daher erhoffe ich mir, dass das Jubiläumsjahr mehr Raum für jüdische Perspektiven in der Geschichte und Gegenwart ermöglicht. Dass sichtbar wird, wie Jüdinnen und Juden es schaffen konnten und können, trotz allem noch immer in Deutschland zu Hause zu sein. Das sichtbar wird, wie sie heute leben und wie vielfältig dieses Leben ist. Und ich hoffe, dass das Jahr eine nachhaltige Wirkung hat und jüdisches Leben wirklich noch normaler wird.

Hinweis: Der Veranstaltungskalender für Schleswig-Holstein ist inzwischen freigeschaltet worden...

www.schleswig-holstein.de/juedisches-leben

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